Leseprobe · Elodies Geheimnis

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Elodies Geheimnis – Leseprobe

Kapitelzierde: Schreibmaschine

»HAUPTSACHE, ES GIBT KEINEN DORSCH«, sagte meine Mutter und blieb ruckartig stehen, als sich einer ihrer Absätze in der Rille zwischen zwei Kopfsteinen verfing. »Himmel, herrje.« Sie zog den Pumps heraus und betrachtete genervt die Erdklümpchen, die jetzt daran hafteten. »Wieso kann dieses elende Wochenende nicht schon vorbei sein?«

»Viktoria«, setzte mein Vater in seinem beruhigenden Tonfall an, »du solltest nicht …«

Ich blendete ihn aus. Ihn, meine nörgelnde Mutter und meinen älteren Bruder Leon, der ohnehin mit seinem Handy beschäftigt war. Vermutlich checkte der werte Herr Wichtig mal wieder die aktuellen Börsenkurse. Keiner von ihnen hatte Augen für die Schönheit des Gebäudes, auf das wir zugingen: eine alte Jugendstilvilla, die zu einem Boutique-Hotel umgewandelt worden war.

Im abendlichen Dämmerlicht hoben sich ihre tiefgrünen Fensterläden vom Weiß der Wände ab. Wilder Wein umrankte weite Teile der Fassade. Jetzt, Mitte Oktober, waren die Blätter rötlich verfärbt und verströmten ein erdig-würziges Aroma. Goldenes Licht fiel durch die Fenster des Eingangsbereichs nach draußen. Die Villa Klüpfenhagen schien von innen heraus zu glühen.

»Atemberaubend«, murmelte ich und die Aufregung darüber, hier zu sein, sprudelte wie Kohlensäure durch meinen Körper. Das Hotel wirkte schon von außen unglaublich heimelig und ich konnte es kaum erwarten, hineinzugehen.

»Olivia?«

»Hm?« Widerwillig drehte ich mich zu meiner Mutter um.

»Mein Seidenschal liegt noch im Auto. Hol ihn mir schnell, ja? Meine Schuhe verkraften dieses verflixte Kopfsteinpflaster nicht.«

Ich seufzte, streckte die Hand aber nach dem Schlüssel aus. Meine Mutter war schon die ganze Herfahrt von München schnell reizbar gewesen, und ich hatte keine Lust, mich mit ihr anzulegen.

»Wir checken schon mal ein, Livchen.« Mein Vater zupfte im Vorbeigehen an einer meiner dunklen Haarsträhnen. Das machte er schon, solange ich denken konnte. Und wenn er mich mit siebzehn immer noch Livchen nannte, würde das wohl ewig so bleiben.

Meine Mutter fing wieder mit dem verflixten Kopfsteinpflaster an und ich war froh, wenigstens für einen Moment etwas Abstand zwischen mich und meine Familie bringen zu können. Die knapp achtstündige Autofahrt hierher, ins norddeutsche Dorf Klüpfenhagen, war die längste Zeit gewesen, die wir in den letzten Monaten auf engem Raum miteinander verbracht hatten.

Mir graute jetzt schon vor der Rückfahrt in drei Tagen.

Meine Eltern und Leon hielten es für reine Schikane, dass Trude – alias meine Lieblingsoma – uns ausgerechnet in ›dieses Kaff‹ eingeladen hatte, um ihren achtzigsten Geburtstag zu feiern. Ich war die Einzige, der es nichts ausgemacht hatte, dafür einmal quer durch die Republik zu fahren.

Ich lief zum Auto, angelte den Schal vom Beifahrersitz und lehnte mich gegen die Tür. Die Abendluft war herrlich frisch und half, die sich anbahnenden Kopfschmerzen zu vertreiben. Außerdem hatte ich von hier einen tollen Blick auf das Hotel.

In allen Fenstern des oberen Stockwerks standen kleine Lämpchen, die den Gaslaternen des neunzehnten Jahrhunderts nachempfunden waren. Ihr Licht war dezent und wirkte irgendwie geheimnisvoll. Ich atmete tief ein und spürte, wie die Anspannung der langen Fahrt allmählich nachließ. Das Hotel faszinierte mich. Wie es sich wohl angefühlt hatte, im letzten Jahrhundert hier zu leben?

»Olivia!«

Ich zuckte zusammen, als Leons genervte Stimme zu mir herüberschallte.

»Kommst du? Es gibt ein Problem.«

»Natürlich.«

Leon nickte zufrieden. Er verstand meine Antwort offensichtlich als Zustimmung und nicht als das, was sie eigentlich war: Resignation.

Natürlich gab es ein Problem. Natürlich fanden meine Eltern das Haar in der Suppe, noch bevor sie überhaupt auf dem Tisch stand. Und es war wie immer an mir, die Wogen zu glätten. Ich war der Diplomat der Familie. Oder der ›Gutmensch‹, wie meine Eltern es abschätzig nannten, wenn ich Handwerkern einen Kaffee anbot oder für den Fensterputzer die Simse freiräumte.

Mir hingegen ging das überhebliche Getue meiner Familie oft gegen den Strich, und auch wenn ich selten etwas dagegen sagte, distanzierte ich mich innerlich davon. Das war meine kleine, stille Art der Rebellion.

»Hopp, hopp«, rief Leon und war wieder im Hotel verschwunden, noch bevor ich den Parkplatz überquert hatte. Die Tür fiel genau vor meiner Nase zu.

»Danke. Sehr freundlich«, murmelte ich und atmete noch einmal tief durch, bevor ich sie aufzog und die Lobby betrat.

Es war, als wäre ich über eine Zeitschwelle getreten und direkt im Gestern gelandet: Dutzende Kerzen erhellten den Raum, ihre Flammen warfen flackernde Schatten über die antike Einrichtung. Ich blieb staunend stehen und konnte mich gar nicht sattsehen.

Das edle Jugendstilsofa links von mir sah so bequem aus, dass ich mich am liebsten sofort hineingesetzt hätte. Zwei passende Stühle und ein niedriger, massiver Tisch aus dunklem Holz komplettierten die Sitzecke.

Eine zartgrüne Tapete, bedruckt mit stilisierten Ginkgoblättern, zierte die Wände.

Aber das Beeindruckendste waren die Bilder an den Wänden. Sie zeigten Porträts und Landschaften, eingefasst in verschnörkelte Goldrahmen. Ich wollte gerade näher herangehen, um sie mir anzusehen, als …

»Olivia!«

Ich seufzte leise, bevor ich mich zu meiner Mutter umdrehte, ein Lächeln aufs Gesicht gepflastert. »Komme.«

»Na endlich.« Sie riss mir ihren Schal aus der Hand und warf ihn sich um den Hals, wobei mich sein Ende fast traf. Dann stöckelte sie zur Rezeption.

Ich folgte ihr, nicht ohne dabei den ausladenden Kronleuchter zu bewundern, der an der Decke hing. Seine kleinen Kristalle funkelten im Kerzenlicht wie Tautropfen bei Sonnenaufgang.

Hinter der Rezeption studierten ein älterer Herr und eine Frau mittleren Alters den Bildschirm eines Computers. Mein Vater tippte ungeduldig mit den Fingern auf den hölzernen Tresen. Ich stellte mich neben ihn. Bevor ich fragen konnte, was los war, sah der ältere Herr auf.

»Herzlich willkommen in der Villa Klüpfenhagen, junge Dame«, sagte er. Er trug einen schicken Anzug und ein warmes Lächeln. Trotz seiner weißen Haare und der zierlichen Statur wirkte er nicht gebrechlich. »Ich bin Gustav von Basthorst, Eigentümer des Hauses.«

»Guten Abend.« Ich streckte ihm die Hand hin. »Olivia Reitenberger.«

Seine Hand war runzelig und warm. »Hatten Sie eine angenehme Anreise?«

Bevor ich antworten konnte, ging meine Mutter dazwischen. »Könnten Sie sich bitte auf das Wesentliche konzentrieren?«

»Was ist denn das Wesentliche?«, fragte ich.

»Es gab eine bedauerliche Verwechslung bei der Buchung«, antwortete Herr von Basthorst.

»Verwechslung?« Meine Mutter lachte höhnisch.

Ich bewunderte den Hotelier dafür, dass er weiterhin freundlich lächelte und an mich gewandt erklärte: »Beim Bearbeite Ihrer Buchungsanfrage wurden für Ihre Familie versehentlich zwei Doppelzimmer reserviert. Und nicht, wie eigentlich gewünscht, ein Doppel- und zwei Einzelzimmer.«

Die Frau neben ihm verzog bedauernd das Gesicht und ich vermutete, dass sie für diese Verwechslung verantwortlich war.

Verstehe«, sagte ich und schnitt damit meinen Vater ab, der gerade Luft holte – garantiert, um eine weitere Beschwerde in die Welt zu pusten. »Dann teilen Leon und ich uns eben ein Zim…«

»Auf keinen Fall!« Mein Bruder schüttelte vehement den Kopf. »Schlimm genug, dass wir das ganze Wochenende einen auf Familie machen müssen. Aber das Zimmer und vor allem ein Bad teilen? Vergiss es.«

Ich zögerte kurz, atmete tief durch und sagte dann: »Und wenn ich mit Mama und du mit Pa…«

»Inakzeptabel!«, sagten die drei unisono.

»Hören Sie, Herr von Bastholm …«

»Basthorst«, korrigierte ich meine Mutter.

»Dann eben Basthorst.« Ihre Stimme machte klar, dass ihr das herzlich egal war. »Ich habe Belege dafür, dass ich bei der Anfrage alles korrekt angegeben habe. Der Fehler liegt eindeutig an der Inkompetenz auf Ihrer Seite.« Sie musterte die Mitarbeiterin an der Rezeption so, als wäre diese im völlig falschen Job.

Für einen winzigen Moment wankte Herrn von Basthorsts Lächeln, bevor er es wieder unter Kontrolle hatte. »Ich verstehe Ihren Unmut und muss mich in aller Form für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, Frau Reitenberger.«

»Eine Entschuldigung bringt mir nichts. Ich erwarte, dass Sie den Fehler beheben.«

»Chef«, murmelte die Mitarbeiterin zerknirscht, »ich …«

»Mach ruhig Feierabend, Dörte.« Herr von Basthorst legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ich regele den Rest.«

Dankbar nickte sie und verschwand.

»Und da denkt man, ein Boutique-Hotel stehe für Qualität. Vielleicht wären wir doch besser in dieser billigen Hotelkette abgestiegen, so wie alle anderen, Achim«, sagte meine Mutter zu meinem Vater.

Um das Gespräch in eine konstruktive Richtung zu lenken, fragte ich: »Wieso können Sie uns nicht einfach andere Zimmer geben?«

»Ich bin untröstlich, aber wie meine Rezeptionistin Ihren Eltern bereits erklärt hat«, Herr von Basthorst knetete seine knorrigen Finger, »ist unser Haus restlos ausgebucht. Und da alle anderen Gäste bereits eingecheckt haben, ist ein Zimmertausch unseligerweise nicht mehr möglich.«

Oh nein! Meine Eltern sahen rot, wenn ihnen ihr Recht abgesprochen wurde. Sie würden Herrn von Basthorst – ganz die Anwälte, die sie waren – in Grund und Boden diskutieren. Doch bevor sie das Verfahren eröffnen konnten, klingelte das Handy meiner Mutter.

»Das ist Trude. Da muss ich kurz.« Sie hob den Zeigefinger, ein klares Wir-sind-hier-noch-nicht-fertig-Zeichen, und ging dann zu einem der Fenster, um das Gespräch anzunehmen. Mein Vater folgte ihr. Da ihre Beziehung zu meiner Oma angespannt war, hatte er sich zum emotionalen Strafverteidiger meiner Mutter erkoren.

»Gibt es nicht doch noch einen Raum?«, fragte ich Herrn von Basthorst. Das Wochenende stand ohnehin unter keinem guten Stern. Wenn wir die Zimmerverteilung nicht zufrieden- stellend regeln konnten, dann … ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was dann.

»Leider nicht. Wir haben nur fünfundzwanzig Zimmer«, erklärte er.

»Zur Not schlafe ich auch auf einer Matratze in einem Abstellraum. Ich brauche nicht viel.«

»Vielleicht haben sie ja eine Treppe, unter der du wohnen kannst«, sagte Leon und grinste.

Daraufhin passierte etwas Seltsames: Herrn von Basthorsts Körperhaltung veränderte sich. Er schien aufgerichteter, kräftiger. Und sein Blick strahlte so viel Wärme aus, dass ich mich fühlte, als hätte mich jemand in eine Decke gewickelt.

»Olivia Reitenberger«, sagte er leise und es wirkte, als würde er den Namen probieren. So, wie man ein Bonbon probiert. Er beugte sich vor und drückte kurz meine Hände, die auf dem Holztresen der Rezeption lagen. Die Berührung löste den Rest der Anspannung, die noch zwischen meinen Schulterblättern saß. »Wir haben keinen leeren Abstellraum. Und dort dürfte ich Sie auch gar nicht schlafen lassen.«

»Oh.« Meine Schultern sanken, genau wie mein Mut.

»Aber es gibt tatsächlich noch einen Raum. Eine einfache Bedienstetenunterkunft ganz oben unter dem Dach. Normalerweise vermieten wir sie nicht, aber für Sie würde ich eine Ausnahme machen.«

»Großartig.« Ich klatschte in die Hände. »Sie sind ein Schatz, vielen Dank.«

Sein Lachen klang wie das Brummen eines antiken Steiffbären.

»Was ist hier los?« Meine Mutter kam zu uns zurückgestöckelt und hob die Augenbrauen.

Ich strahlte sie an. »Wir haben eine Lösung gefunden.«

Sie zuckte mit den Schultern, so als sei das das Mindeste, was sie erwartet hatte. »Können wir dann endlich einchecken? Ich möchte mich vor dem Abendessen noch frisch machen.«

»Sehr wohl.« Herr von Basthorst verteilte Schlüssel. »Sie bringe ich persönlich zu Ihrem Zimmer, Olivia.«/p>

»Wer kümmert sich um unser Gepäck?«, fragte mein Vater.

Herr von Basthorst klopfte ihm gegen den Oberarm. »Sie und Ihr Sohn.«

»Und so etwas bekommt vier Sterne?«, fragte meine Mutter in einem aufgesetzt freundlichen Ton.

»Mama!« Ich war es so satt, mich ständig für sie und ihre Art fremdzuschämen.

Herr von Basthorst ignorierte die spitze Bemerkung und zeigte auf eine große Doppeltür rechts neben der Rezeption. »Das ist unser Speisesaal, dort finden die Mahlzeiten statt. Unser Abendessen wird um halb acht serviert.«

»Und was gibt es heute, Herr von Bastholm?«

Er lächelte freundlich. »Dorsch.«



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